Niedersachen klar Logo

„Der Sport gibt mir innere Stärke“ – der Olympionike Alaa Maso im Portrait


Die Olympischen Spiele sind schon wieder einige Wochen her – doch den Sportlerinnen und Sportlern, die teilgenommen haben, werden die Wettkämpfe von Tokio sicherlich immer in Erinnerung bleiben. Auch dem Schwimmer Alaa Maso, 21 Jahre alt. Um ganz sicher zu gehen, dass er die Olympiade in Japan niemals vergisst, hat er sich die olympischen Ringe auf den rechten Unterarm stechen lassen. „Das Tattoo wird für immer bei mir bleiben“, sagt der gebürtige Syrer, der für das Refugee Olympic Team gestartet ist.


Dabei sein ist alles

Die Wettkämpfe sind für ihn nicht optimal gelaufen, sagt der junge Athlet. „Ich habe Fehler gemacht und bin daher leider nicht über die Vorläufe hinausgekommen“, so Maso. Er sei im Oberkörper nicht stabil genug gewesen, habe Wasser geschluckt, musste atmen und verlor dadurch wertvolle Hundertstel auf der 50m-Freistil-Strecke. Normalerweise atmet Maso auf diese Strecke nicht, für die er in seiner persönlichen Bestzeit 23 Sekunden und 13 Hundertstel braucht. Dennoch schwamm er nah an diese Zeit heran, kam damit aber leider nicht ins Halbfinale. Trotzdem ist er für dieses Mal zufrieden, einfach, weil er dabei war. Mit Strahlen im Gesicht erzählt er von der guten Stimmung unter den Sportlerinnen und Sportlern in Tokio, dem ungläubigen Staunen, wenn sich beim Frühstück auf einmal Tennislegende Novak Djokovic an seinen Tisch setzte oder er Gelegenheit zum Gespräch mit dem französischen Schwimmstar Florent Manadou hatte, den er sehr verehrt.


Qualifikation mit Hürden

Dass sich Alaa Maso überhaupt qualifiziert hat, war keinesfalls selbstverständlich. Erst im September 2019 bewarb sich Maso für die Aufnahme ins Refugee Olympic Team. So hatte er gerade mal ein Jahr und 7 Monate, sich für die Qualifikation im April 2021 vorzubereiten. Wegen der beiden Lockdowns büßte er zusätzlich 1100 Trainingskilometer im Wasser ein.

Alaa Masos Schwimmkarriere ist außergewöhnlich. Er kommt aus einer sportbegeisterten Familie. Alaas Vater ist Schwimmtrainer, sein großer Bruder Mohamad nahm als Triathlet an den Olympischen Spielen teil. Auch seine Schwester und seine Mutter seien sehr sportlich, erzählt der junge Mann. Mit vier Jahren lernt er schwimmen, mit neun wird er syrischer Meister und stellt einen neuen nationalen Rekord über 50 m Kraul auf, der bis heute steht. Doch dann reißt der Krieg in Syrien ein Loch in seine Schwimmkarriere. Von 2013 bis 2015 findet kein Training mehr in seiner Heimatstadt Aleppo statt. „Wegen des Kriegs“, erklärt Alaa, „es ging ums Überleben, die Versorgung wurde immer schlechter, es gab immer weniger zu essen, später kamen dann die Bomben“. Bis 2015 war Aleppo zu 70% zerstört.


Flucht in die Niederlande

Im Herbst 2015 fürchteten die Eltern, dass Alaas älterer Bruder Mohamad zum Militärdienst eingezogen und in den Krieg geschickt werden würde. So beschlossen die beiden Brüder, zu fliehen. Eigentlich wollten sie in die Niederlande, weil sie dort Freunde und Verwandte haben. Elf Tage sind Alaa und Mohamad, damals 15 und 22 Jahre alt, unterwegs – über die Türkei, Griechenland, die Balkanroute bis nach Deutschland. Dort werden sie von zwei Polizisten aufgegriffen, die sie drängen, ihre Fingerabdrücke registrieren zu lassen. Die beiden weigern sich zunächst und sagen, sie wollten weiter in die Niederlande. Die Beamten versichern ihnen, dass das keine Konsequenzen für ihre Reisepläne hätte, sie wollten nur prüfen, ob gegen sie etwas vorläge. Die beiden willigten ein und reisten weiter nach Holland.

Dort begannen sie sofort mit Sprachunterricht, Alaa ging zur Schule. Doch nach sechs Monaten wurden sie wieder nach Deutschland zurückgeschickt, weil sie sich dort hatten registrieren lassen. Zunächst kamen sie nach Osnabrück. Mohamad Maso nahm in dieser Zeit Kontakt zu Hannover 96 auf. Der Verein hat die größte Triathlon-Abteilung in Norddeutschland. Man setzte sich dafür ein, dass die beiden Brüder nach Hannover ziehen durften. Alaa besuchte zunächst eine Sprachlernklasse mit dem Ziel, auf ein Gymnasium zu gehen und das Abitur zu machen. Doch nach einem halben Jahr entschied er sich für eine Berufsschule, auf der er den Hauptschulabschluss absolvierte. Er legt seither den Fokus zu 100 Prozent auf den Leistungssport. Die Rechnung ist für ihn aufgegangen. Sein Traum von der Olympia-Teilnahme wurde wahr.


Nach den Spielen ist vor den Spielen

In Hannover fühlt sich Alaa inzwischen zuhause. Über den Schwimmverein, den SV Aegir 09 in Ricklingen, hat er schnell Freunde gefunden. Die Familie eines Triathlon-Kollegen seines Bruders hat die beiden jungen Syrer von Anfang an unterstützt, sie half z. B. bei der Wohnungssuche. Ab und zu ist Alaa in den Niederlanden, um Freunde und Verwandte zu besuchen.

Der Sport hat im Leben des 21-jährigen einen ganz besonderen Stellenwert. „Wenn man ständig nach Erfolg strebt, wird man stark im Kopf. Man entwickelt ein Mindset, eine innere Haltung, und kämpft für die Menschen, die man liebt.“ Und er will weiterkämpfen. Nach den Spielen ist vor den Spielen, sagt sich Alaa Maso und hat kurz nach Tokio schon wieder neue Ziele: Bei den nächsten Olympischen Spielen 2024 in Paris möchte er gerne über 50 und 100 m Kraul an den Start und über 100 m Schmetterling.

  Bildrechte: DOSB
zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln