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Berufliche Integration braucht Geduld und einen langen Atem. Es lohnt sich.

Ein Gastbeitrag von Johannes Pfeiffer, Vorsitzender der Geschäftsführung unseres Bündnispartners Bundesagentur für Arbeit Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen


Bildrechte: Bundesagentur für Arbeit

Im Sommer 2015 flohen hunderttausende Menschen vor dem Bürgerkrieg in Syrien und suchten Schutz und Arbeit in Deutschland. Auch aus dem Irak, Iran, Somalia und weiteren Ländern kamen Menschen und stellten Anträge auf Asyl. Die Herausforderung, all diesen Menschen Schutz zu bieten war und ist für unsere Gesellschaft groß. Es geht ja nicht nur um ein Dach über dem Kopf, Medizin, Kleidung, Essen, sondern um Bildung und Arbeit, grundsätzlich um die Teilhabe an der Gesellschaft. Und ich muss sagen: Wir haben gemeinsam viel erreicht. In diesen 5 Jahren haben viele Geflüchtete Fuß gefasst in Deutschland.

Wie die Uganderin, die als alleinerziehende zweifache Mutter eine Ausbildung als Steuerfachangestellte macht. Oder der junge Libanese ohne Schulabschluss, der als Helfer in der Logistik arbeitet. Die vielen Biografien sind es, die das große Ganze ausmachen und aus unserer Sicht zu einer überwiegend positiven Zwischenbilanz der Flüchtlingsintegration auf dem Arbeitsmarkt führen.

Ausdrücken lässt sich das mit einer Zahl: Danach haben in Niedersachsen inzwischen 32.000 Menschen aus den wichtigsten Asylherkunftsländern eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufgenommen. Das sind sechs mal so viele, wie vor 2015 aus diesen Staaten bei uns gearbeitet haben. Hinzu kommen die vielen jungen Menschen, die sich zu Fachkräften ausbilden lassen. Fast jeder zehnte Ausbildungsbewerber hat inzwischen einen Fluchthintergrund. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung, auf den die Flüchtlinge und die vielen Unterstützerinnen und Unterstützer stolz sein können.

Aber zu einer Bilanz gehört auch der Befund dazu, dass viele bei der Integration in Arbeit noch auf dem Weg sind. Sie haben Etappen geschafft. Wie die syrische Mutter, die einen Deutschkurs besucht oder der Iraker, der seine Familie verloren hat und nun über ein Berufspraktikum Anschluss an deutsche Kollegen findet und Berufserfahrungen sammelt. Aber bis zum festen Arbeitsplatz ist es noch ein Stück.

In Zahlen: Zuletzt waren 29.000 Flüchtlinge als arbeitslos gemeldet. Hinzu kommen 19.000, die von den Agenturen für Arbeit und Jobcentern in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen gefördert werden und erst später dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Nach wie vor gilt, dass die Schlüssel für die erfolgreiche Integration Sprache und anerkannte Qualifikationen sind. Die meisten Menschen wollen arbeiten. Die Kombination aus fehlenden schulischen wie beruflich verwertbaren Qualifikationen und Sprachbarrieren führt aber dazu, dass drei Viertel der arbeitsuchenden Flüchtlinge nur einfache Tätigkeiten als Helfer ausführen können.

Das hat in der Coronakrise Folgen. Während die Arbeitslosenzahl in Niedersachsen insgesamt von März bis August um 25 Prozent stieg, waren es unter Geflüchteten 29 Prozent. Flüchtlinge sind oft in Branchen tätig, die von der Pandemie besonders hart getroffen wurden wie Gastronomie, Handel und Zeitarbeit. Und auch wenn viele Betriebe derzeit mit Kurzarbeit Beschäftigte gehalten haben – die Bereitschaft, neue Arbeitskräfte einzustellen, ist deutlich niedriger als vor Corona. Der Arbeitsmarkt taut erst langsam wieder auf und gesucht werden überwiegend Fachkräfte, weniger Helfer.

Was heißt das für uns? Geflüchtete benötigen weiterhin arbeitsmarktpolitische Angebote, die ihre Integration unterstützen. Durch den Erwerb von Sprachkenntnissen, Bildungs- und Ausbildungsabschlüssen und Berufserfahrung werden die Geflüchteten mit zunehmender Beschäftigungsdauer im Arbeitsmarkt aufsteigen, so dass der Helferanteil schrittweise sinken wird. Besondere Aufmerksamkeit brauchen wir für Frauen, insbesondere Mütter, um ihnen ebenfalls die Teilhabe an Beschäftigung zu ermöglichen. Regionale Netzwerke sind notwendig, damit die sehr individuellen Hürden genommen werden können. Vom Betreuungsangebot für schulpflichtige Kinder durch die Kommune bis hin zum engagierten Betrieb, der Nachhilfe für seine Azubis anbietet. Wir brauchen Geduld und einen langen Atem. Es lohnt sich.


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