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Der Publikumsliebling im Video-Wettbewerb: KurSeni – Kochen ohne Grenzen


Die Freude über den Sieg als Publikumsliebling beim Video-Wettbewerb des Bündnisses zu den schönsten Erfolgsgeschichten aus Niedersachsen ist riesig. „Wir haben laut Hurra geschrien“, sagt Ulla Schmitz vom Stadtmagazin Cloppenburg, die seit fünf Jahren bei KurSeni dabei ist. Ursprünglich ins Leben gerufen hatte das Projekt Nahla Kanjo vom Familienbüro der Stadt Cloppenburg. KurSeni steht für „Kurdinnen und Seniorinnen“, die seit zehn Jahren einmal im Monat in der Küche der Albert-Schweitzer-Schule zusammen kochen. Darüber hinaus bedeutet „kurseni“ auf Kurmandschi, der am weitesten verbreiteten kurdischen Sprache, auch „natürlich sein“ und auf Albanisch so viel wie „zusammen“.


Gefüllte Weinblätter und selbstgebackenes Brot

„Mindestens so wichtig wie das gemeinsame Kochen ist das gemeinsame Essen hinterher“, sagt Nahla Kanjo, selbst Kurdin, die 1989 aus Syrien nach Deutschland kam. Mit dabei sind in der Regel acht alteingesessene Seniorinnen, etwa genauso viele kurdische Cloppenburger Neubürgerinnen, die meisten von ihnen Geflüchtete aus Syrien, dem Irak und der Türkei, und nochmal so viele Kinder. Die Kleinen decken z. B. gemeinsam den Tisch und sorgen für die Deko.

Die Kinder machen nicht nur gerne mit. Sie waren es auch, die ursprünglich die Idee für das Projekt gezündet haben: Töchter und Söhne aus kurdischen Einwanderungsfamilien wollten gerne auch mal zuhause Grünkohl und Frikadellen essen, typisch norddeutsche Gerichte also, die sie aus der Schulmensa kannten. Sie hatten aber nicht die notwendigen Rezepte dafür. So kamen deren Mütter zum Projekt. Gleichzeitig meldeten sich auch kurdische Frauen beim Familienbüro der Stadt Cloppenburg, deren Kinder aus den Mutter-Kind-Gruppen, die sie besucht hatten, inzwischen herausgewachsen waren. Auch sie wollten gerne an der Kochgemeinschaft teilhaben – um sich auszutauschen, Alltagsprobleme zu besprechen, miteinander Spaß zu haben. Im Wechsel kochen die Frauen deutsche und kurdische Speisen, die inzwischen sogar in einem eigenen Kochbuch nachzulesen sind. „Der absolute Renner sind gefüllte Weinblätter und selbstgebackenes Brot“, erzählt Nahla Kanjo.

Begegnungen auf Augenhöhe

„Wichtig ist“, so Nahla Kanjo vom Familienbüro, „dass sich die Teilnehmerinnen von KurSeni auf Augenhöhe begegnen“. Beide Seiten lernen voneinander. Nicht nur, was die jeweilige Küche angeht. Die Seniorinnen werden durch das fröhliche Miteinander lockerer. Sie entwickeln mehr Verständnis für die Traditionen der kurdischen Mütter. Diese wiederum machen Erfahrungen, die sie ermutigen, für sich wichtige Entscheidungen zu treffen, beobachtet Nahla Kanjo. Das sind manchmal scheinbar kleine Dinge wie ein Besuch im Schwimmbad oder der Entschluss, das Kopftuch abzulegen – alles Entscheidungen, die von den Frauen von sich aus getroffen und nicht bewertet werden. Aber auch größere Entscheidungen wie die, den Führerschein zu machen oder eine Ausbildung zu absolvieren.


Fluchterfahrungen heute und damals

Je länger man sich kennt, desto intensiver werden die Gespräche zwischen den älteren und den jüngeren Frauen. So erfahren die Kurdinnen, dass nicht nur sie selbst, sondern auch viele der Cloppenburger Seniorinnen Fluchterfahrung haben, dass Deutschland nicht immer schon das wohlhabende und friedliche Land war, das es heute ist. „Durch den gegenseitigen Austausch wächst das Verständnis füreinander und auch die gegenseitige Sympathie“, beobachtet Ulla Schmitz.

Doch diese Vertrautheit brauchte Zeit, um sich zu entwickeln. Als man sich noch nicht so gut kannte, war anfangs durchaus auch Skepsis im Spiel. Beim ersten gemeinsamen Grünkohlkochen – selbstverständlich ohne Schweinefleisch - hatten einige der kurdischen Frauen sicherheitshalber ein paar Stücke Fladenbrot mitgebracht. Die KurSeni-Frauen entwickelten zusammen ein Rezept für Grünkohl mit Pute, das weniger fett ist als die traditionelle Wurst, nach eigenen Angaben sehr lecker schmeckt und seither in zahlreichen Küchen in Cloppenburg Einzug gehalten hat.

Hoffen auf den Neustart nach der Pandemie

Vom gemeinsamen Kochen und Essen können die Frauen zurzeit leider nur träumen. Wegen der Corona-Pandemie wurden die Treffen im März eingestellt. „Wir wollen sobald wie möglich wieder starten“, sagt Ulla Schmitz. Aktuell sind die Teilnehmerinnen nur über WhatsApp miteinander verbunden. „Sie vermissen KurSeni sehr, die Begegnungen und den Austausch“, berichtet Nahla Kanjo. Vor allem für die Seniorinnen sei es wichtig, dass sie bald aus ihrer selbst auferlegten Isolation wieder herauskommen. Wie es dann mit der Gruppe weitergeht, werden die Frauen selbst entscheiden, sagt der Leiter des Familienbüros Cloppenburg Norbert Schilmöller.

  Bildrechte: Ulla Schmitz
Dieses Bild ist im Rahmen der Aktion "Nikolausplätzchen backen im Rathaus" im Jahr 2019 entstanden. Mittig im Bild ist auch der Bürgermeister von Cloppenburg Dr. Wolfgang Wiese zu sehen.
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