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500 000 US-Dollar für jungen Jesiden Diler Salim: Vom Flüchtlingskind zum Google-Stipendiaten

Bildrechte: privat
Diler im Jahr 2007.

Diler Salim ist ein bescheidener, aber stolzer junger Mann. Der 17-Jährige ist Schüler des Cato Bontjes van Beek-Gymnasiums in Achim im Landkreis Verden. Er spricht fließend Deutsch, ist sehr zielstrebig und voller Lebensfreude. Was man ihm nicht ansieht: eine Vergangenheit voller Strapazen, gezeichnet von Krieg, Angst und Hass. Diler ist Jeside – aus dem Irak als Kind geflohen, hilft er in seiner neuen Heimat, der Bundesrepublik Deutschland, den Schwächsten. „Denn nur die Stärksten geben den Schwächsten die Hand“, sagt er. Jetzt hat sich sein soziales Engagement gelohnt: er erhält ein Stipendium in Höhe von einer halben Million Dollar von der Rise-Stiftung des ehemaligen Google-Chefs Eric Schmidt. Der Stelle für Jesidische Angelegenheiten erzählt er von seinem Leben in der alten und neuen Heimat, was ihn bewegt, was er sich wünscht und was er anderen jesidischen und nicht-jesidischen Einwanderern ans Herz legen möchte.

Das Interview wurde geführt von Gohdar Alkaidy

Diler hat in Zaxo im Norden des Irak, in der Region Kurdistan, als erstes Kind von sieben das Licht der Welt erblickt. „Bis zu meinem siebten Lebensjahr habe ich in der kleinen Stadt Derabun gelebt. Seit ich in Deutschland bin, lebe ich in der Kleinstadt Achim im Herzen Niedersachsens“, sagt er mit einem gewissen Stolz.

An seine Zeit im Irak erinnert sich Diler besonders an die erste Schulklasse, die er als Klassenbester abgeschlossen hat, bevor er mit seiner Familie geflohen ist. „Im Irak haben die Lehrer tatsächlich pädagogisch noch sehr viel nachzuholen. Besonders was Handgreiflichkeiten gegenüber Schülern angeht“, sagt er nachdenklich.

Dann überschlagen sich die Ereignisse: Die Flucht der jesidischen Familie fand ihren Anfang im Juni 2011. Erst im Januar 2012 erreichte sie den sicheren Hafen Deutschland.



Wir fragen, ob es einen bestimmten Grund für den Entschluss gegeben hat, der Heimat den Rücken zu kehren.

„Ich denke, ‚den Rücken kehren‘ beschreibt die Situation falsch“, antwortet er nachdenklich. „Ich wurde vielmehr von Terroristen aus meiner Heimat verdrängt. Ich habe meine Heimat nicht aus freien Stücken verlassen, niemand verlässt seine Heimat aus freien Stücken. Denn bedroht waren dort alle Menschen und ganz besonders die Jesiden, an denen später dann auch der Genozid verübt wurde.“


Erinnerst du dich, wie es für dich war, als ihr die Heimat verlassen musstet?

„Absolut! Sowas vergisst man nicht so einfach. Es war an einem sehr hellen, sonnigen Morgen. Wir sind alle aufgestanden und mein Vater bat uns alle, in den Wagen zu steigen. Wir würden nur Urlaub machen, sagte mir meine Mutter. Aber sie wollten uns nur beruhigen und ich wusste, dass ich meine Großeltern erstmal eine lange Zeit oder vielleicht gar nicht mehr wiedersehen werde“, sagt er bedrückt.

Die lange Reise ins sichere Deutschland erweist sich als eine in die Ungewissheit: „Erst sind wir in die Türkei gekommen. Von dort aus und nach langen Strapazen kamen wir nach Griechenland.“ Erst nach langer Odyssee konnte die Familie nach Deutschland gelangen. Diler erinnert sich daran, wie die Ungewissheit darüber, ob sie es überhaupt nach Deutschland schaffen würden, besonders an seinen Eltern gezerrt hat. „Wir haben auf unserem Fluchtweg so einiges an Gewalt gesehen. Auch anderen Menschen, die mit uns auf der Flucht waren, sind schlimme Dinge passiert. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Schließlich schafft es die Familie nach Deutschland. „Wir waren erlöst. Wir waren dankbar und sind es immer noch“, sagt der Stipendiat der Extraklasse. „Wir sind zunächst in einer Flüchtlingsunterbringung in der Nähe von Göttingen untergekommen.“ Nach drei Monaten aber besserte sich das Leben der jesidischen Familie nochmals: „Wir wurden dann auf Bitten der Cousine meiner Mutter nach Achim verlegt. Seit 2012 leben wir also in Achim und sind hier glücklich“, erzählt er uns zufrieden mit Dankbarkeit.

Trotz der gewonnenen Sicherheit war der Anfang in der Fremde alles andere als einfach: „Die Moderne in unserer neuen Heimat hat mich von Anfang an beeindruckt. Aber ich fühlte mich auch sehr fremd. Und ich fühlte mich enorm unwohl in dem Wissen, dass ich nun so weit von meiner alten Heimat entfernt war.“

In seiner Ohnmacht blieb Diler nicht tatenlos. Er engagierte sich frühzeitig sozial: „Angefangen hat das Ganze im Alter von acht Jahren, als ich der deutschen Sprache mächtig wurde. Ich fing an für Menschen, die – genau wie ich damals – die Sprache nicht konnten, zu übersetzen und sie zu allmöglichen Behördengängen, Ärzten und anderen notwendigen Dingen zu begleiten“, erzählt er lächelnd. „Als ich diese Menschen sah, erkannte ich sofort, wie schwierig es ist, sich in einem fremden Land zu orientieren und ich verstand ihr Leid auf Anhieb. Deshalb wollte ich auch meinen Teil zur Gesellschaft beitragen und Brücken zwischen den Kulturen schlagen.“

Sein soziales Engagement hat ihm nun ein US-Stipendium in Höhe von einer halben Million Dollar eingebracht. Wir möchten wissen, was er damit vorhat und ob ihm dieses Geld neue Möglichkeiten eröffnen wird.

„In erster Linie werden wohl für mich Bildungsausgaben wie die Uni durch das Stipendium gedeckt. Und ja, das Geld erweitert meine Möglichkeiten um unvorstellbare Dimensionen. Ich habe mir für meine Zukunft fest vorgenommen, einen großen und unvergleichbaren Beitrag zur Aufrechterhaltung des Jesidentums einzusetzen. Wann das sein wird und welche Ausmaße das einnehmen wird, sind bisher nur Konstrukte in meinem Kopf. Fakt ist aber, ich möchte vor meinem 30. Lebensjahr die Grundfeste meines zukünftigen Wirkens gelegt haben. Vielleicht wird dieses Geld ja der Anfang einer interessanten Geschichte.“


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