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„Wir arbeiten alle zusammen auf ein Ziel hin“ – Sonderpreis für Integration für das Bürgertheater Moringen Interkulturell


Das Bündnis NIEDERSACHSEN PACKT AN hat das „Interkulturelle Bürgertheater Moringen“ mit dem Sonderpreis des Niedersächsischen Integrationspreises geehrt. Seit 2016 bietet das Bürgertheater, ein Projekt des teatro regio e.V., Menschen jeden Alters und jeder Herkunft Gelegenheit, an einem Schauspielprojekt teilzunehmen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler werden von Profis des freien Theaters stille hunde aus Göttingen künstlerisch und theaterpädagogisch betreut. Im Gespräch mit dem Team ist die Journalistin Eva Völker der Frage nachgegangen, was das „Interkulturelle Bürgertheater Moringen“ im Einzelnen ausmacht:

Am Anfang ein mulmiges Gefühl

Die Reaktion von Mohamad Dalil, Darsteller beim „Interkulturellen Bürgertheater Moringen“, auf die Auszeichnung war eindeutig: „Ich habe mich riesig gefreut!“, erzählt der 32-Jährige Schauspieler mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Bei seiner ersten Premiere mit dem „Sommernachtstraum“ vor vier Jahren sei er sehr nervös gewesen, erinnert er sich. „Das Publikum hat mich die ganze Zeit angeschaut, das hat mir am Anfang ganz schön Angst gemacht.“ Doch mit diesem mulmigen Gefühl war Mohamad Dalil nicht alleine. Denn alle Ensemblemitglieder, egal ob sie wie Dalil erst seit kurzem in Moringen wohnen oder immer schon dort gelebt haben, sind echte Laien.

Auch Ellen Deilke, die Mohamad Dalil durch die Flüchtlingshilfe Moringen kennt. Als gelernte Gewandmeisterin hat sie schon beim Theater gearbeitet. Doch auf der Bühne zu stehen, ist für die Frau mit dem rotblonden Pferdeschwanz ebenfalls noch immer aufregend. „Ich finde es spannend, wie wir, Alteingesessene und Geflüchtete, alle gemeinsam lernen,“ sagt Deilke. Zum Beispiel was die Sprache angeht. So Manches wird im Bühnendeutsch doch anders ausgesprochen als im Alltag, etwa das Wort „Herr“, das kein langes offenes „e“ hat, wie viele glauben.

Inszenierungen mit Sprechchören

„Die Sprache war am Anfang meine größte Herausforderung“, ergänzt Mohamad Dalil. Als er für das erste Stück probte, hatte er noch keinen Deutschkurs absolviert. Doch Dalil wusste sich zu helfen: „Ich bat eine Schauspielkollegin, den Text für mich aufs Handy zu sprechen, so konnte ich ihn mir immer wieder anhören und einprägen.“ Inzwischen spricht Dalil sehr gut Deutsch. Christoph Huber, der mit seinem Kollegen Stefan Dehler vom Göttinger freien Theater stille hunde die künstlerische Leitung hat, sagt, Mohamad Dalil sei ein starker Spieler, sehr textsicher, er wisse auch immer, wer als Nächstes an der Reihe sei.

Bei den ersten Stücken hätten sie sehr viel mit Sprechchören und Choreographien gearbeitet, erklärt Stefan Dehler. Zum einen, um es den Schauspieler*innen zu erleichtern, die vielleicht noch nicht so gut Deutsch konnten, zum anderen, weil es sich bei einem großen Ensemble von knapp dreißig Mitgliedern einfach anbot. Inzwischen werden die Texte länger. Da sie in einfacher Alltagssprache gehalten sind und viele Redewendungen vorkommen, sind sie leicht verständlich und eingängig – sowohl für die Schauspieler*innen als auch für die Zuschauer*innen. Die erscheinen zu jeder Vorführung zahlreich.

Bürgertheater im Wortsinn

Mit knapp dreihundert Menschen sind die Vorstellungen sehr gut besucht. Dabei geht es sehr viel zwangloser zu als bei einem klassischen Theaterabend. „Es ist Bürgertheater im Wortsinn, die Zuschauer nehmen Anteil am Bühnengeschehen, nicht ganz so wild wie zu Shakespeaeres Zeiten, aber manchmal ist es schon etwas lebhafter“, sagt Stefan Dehler. Die Schauspieler*innen laden ihre Familien ein, im Publikum sind viele Kinder. Aber die Darsteller*innen auf der Bühne lassen sich nicht beirren, auch wenn es mal etwas lauter wird.

Die Theaterbesucher*innen können entweder ein Ticket kaufen oder etwas fürs Büffet mitbringen. Nach der Aufführung trifft man sich dann, isst und trinkt zusammen und unterhält sich noch ein wenig über das Stück. Und Tage danach passiert es Mohamad Dalil, dass er beim Einkaufen in Moringen auf seine Rolle angesprochen wird. „Haben Sie nicht den Mephisto gespielt?“, wird er im Supermarkt gefragt. Eine Kassiererin meinte sogar, er müsse doch einen Sonderrabatt bekommen als „bester Schauspieler“.

Begegnungen auf Augenhöhe

Solche Begegnungen sind sehr wertvoll, sagt Stefan Dehler. Sonst würden sich Alteingesessene und Neubürger*innen im Alltag eher aus dem Weg gehen. Durch das Theatererlebnis aber gibt es einen gemeinsamen Nenner, etwas, das verbindet. Das gilt für Schauspieler*innen und Publikum, aber auch für die Mitglieder des Ensembles untereinander.

„Unser Ziel ist es, Begegnungen auf Augenhöhe zu schaffen“, sagt Elfriede Gebhard-Pahmeier, die beim übergeordneten teatro regio e.V. für die Organisation zuständig ist. Und das gelingt offenbar auch. „Woher jemand kommt, spielt bei unserer Arbeit keine Rolle“, sagt Christoph Huber. Jede*r ist ein wichtiger Teil des Ganzen, die Theaterarbeit ist sehr verbindlich. Eine Probe zu schwänzen, kann sich niemand erlauben. „Jeder weiß, die anderen brauchen mich“, sagt der Theaterpädagoge. Das gemeinsame Ziel, nämlich zusammen ein Stück auf die Bühne zu bringen, verbindet.

Jeder einzelne ist wichtig

Mit jedem Stück haben sich die Ensemblemitglieder besser kennengelernt. Am Rande der Proben bespricht man schon auch mal Alltagsdinge wie z. B. Fragen zu einem Mietvertrag. Das Ensemble ist so groß, dass alle Rollen doppelt besetzt sind. So lernen die Schauspieler*innen ihre Rollen in Teams. Und sie lernen voneinander, erzählt Schauspielerin Ellen Deilke. „Bei einem Stück gab es ein deutsches und ein syrisches Paar, die jeweils ein Pärchen gespielt haben. Einmal haben wir die Partner getauscht, das war sehr interessant zu sehen, wie die Schauspielerinnen und Schauspieler damit umgegangen sind.

„Jeder hat seinen Platz, jede und jeder einzelne ist wichtig, es gibt keine Stars“, bringt Christoph Huber es auf den Punkt. Zusammen mit Stefan Dehler wählt er die Stücke aus. Neben dem Sommernachtstraum haben sie bereits den Faust und Romeo und Julia auf die Bühne gebracht. Bislang ist das „Bürgertheater Moringen Interkulturell“ immer in der örtlichen Gesamtschule, der KGS Moringen, aufgetreten. Schauspieler Mohamad Dalil würde gerne auch mal in einer anderen Stadt spielen. Das dürfte sich bestimmt realisieren lassen. Dieses spannende Projekt findet sicherlich auch andernorts ein interessiertes Publikum. Bleibt nur zu hoffen, dass der Theaterbetrieb bald wieder möglich ist – Corona zum Trotz.

Durch die Pandemie ausgbremst

Die jüngste Produktion des Bürgertheaters Moringen Interkulturell, „Diener zweier Herren“, fiel leider dem Virus zum Opfer. „Eine Woche nach dem Lockdown hätten wir Premiere gehabt“, sagt Christoph Huber. „Das war im März; wir haben gedacht, wir verschieben dann erstmal auf April. Dass es April ´21 würde, hatten wir damals zunächst nicht geahnt.“

Anerkennung für die vielen Ehrenamtlichen

Umso mehr freuen sich alle über den Sonderpreis, ein Lichtblick in der schwierigen Zeit des Lockdown. Schön sei es, dass durch den Preis ein großes Netzwerk von Ehrenamtlichen geehrt wird, die nicht nur auf der Bühne stehen, sagt der Theaterpädagoge und künstlerische Leiter Stefan Dehler. Denn ohne die vielen Ehrenamtlichen, die Sekt ausschenken, Stühle stellen, sich um die Requisiten kümmern, die Kasse machen, wäre all das nicht möglich. Gleichzeitig sagt Dehler, nehme das „Bürgertheater Moringen Interkulturell“ den Preis stellvertretend für all die anderen tollen Projekte im Wettbewerb entgegen, die ähnlich arbeiten und diesmal leer ausgehen.

Gerade für die kleine Gemeinde Moringen bei Northeim ist der Preis ein wichtiges Zeichen. Ist doch der Ort bekannt für die drei Konzentrationslager, die es unter der nationalsozialistischen Terrorherrschaft dort gab. Durch den Sonderpreis wird öffentlich anerkannt, dass in einem Ort mit solch dunkler Geschichte heute ein Projekt läuft, das Menschen mit und ohne Einwanderungserfahrung miteinander verbindet.


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